Genuss oder Effizienz? Lesen bewusst gestalten

Genusslesen in der Weihnachtszeit - Mann sitzt in Lesesessel am Fenster bei Weihnachtsbaum
Bild: Paola Chaaya via Unsplash

Zusammenfassung: Je nach Leseziel solltest du deine Lesetechnik und -haltung variieren. Es ist ein Unterschied, ob du zum Vergnügen liest, oder um eine Prüfung zu bestehen.

In der Weihnachtszeit nehme ich, wie viele andere Menschen auch, immer wieder gerne ein Buch zur Hand, mache es mir im Sessel bequem und lasse mich ganz entspannt und neugierig von den Autor*innen in eine andere Welt entführen. In dieser Zeit werde ich immer wieder dazu angeregt, innezuhalten und über Vergangenes zu reflektieren.

Als Lesetrainer scheint mir diese Jahreszeit daher eine gute Gelegenheit zu sein, über das eigene Lesen nachzudenken. Etwas, das die wenigsten Menschen tatsächlich tun. Oder wann hast du dich das letzte Mal hingesetzt und dich gefragt: Wie lese ich eigentlich?

Die Frage, die ich vorher in den Mittelpunkt stellen möchte, ist: Wozu lese ich eigentlich? Mag sein, dass es zunächst nicht wichtig erscheint, sich mit diesem Thema zu beschäftigen – liegen die Antworten doch scheinbar immer auf der Hand. Tatsächlich ist aber bereits diese Frage ein ganz wichtiger Schlüssel, um dein Lesen so zu gestalten, dass es auch zu den Zielen führt, die du hast. Schon Aristoteles wusste: Wenn ich glücklich werden will, dann sollte ich mir zunächst bewusst sein, was mich glücklich macht.

Mein Tipp daher: Mach dir immer bewusst, wozu du liest!

Wenn du etwas lesen musst, um deine Arbeit ordentlich zu machen, eine Prüfung zu bestehen, oder auf eine Besprechung vorbereitet zu sein, dann solltest du dein Lesen auch entsprechend gestalten! Dabei musst du nicht zwangsläufig mit einer Lesetechnik arbeiten. Zunächst einmal kannst du eine effiziente körperliche Lesehaltung einnehmen, indem du:

  • … dich aufrecht hinsetzt, oder sogar hinstellst. Das gibt auch dem Körper das Signal: jetzt bitte konzentriert und zügig vorwärts!
  • … mindestens 35 cm Abstand zwischen Augen und Text einhältst. Deine Augen können mehr vom Text erfassen, wenn die Stirn nicht Papier oder Bildschirm berührt.
  • … den Text in die Hand nimmst. So sprichst du auch den Tastsinn an, was Konzentration und Merkfähigkeit erhöht.

Noch wichtiger ist aber eine effiziente geistige Lesehaltung. Dafür ist es unabdingbar, dir klar zu machen, welches Ziel du erreichen willst. Und darauf aufbauend, was du dir dafür von dem vorliegenden Text erhoffst. Je konkreter du hier bist, umso besser. Auf dieser Grundlage erreichst du dann eine geistige Leseeffizienz indem du:

  • … dem Drang widerstehst „alles“ zu lesen – denn das ist nicht dein Ziel! Such dir die Informationen, die dir weiterhelfen!

  • … dich auf Hauptgedanken konzentrierst und Details zunächst „überliest“. Einzelinformationen sind erst interessant, wenn du sicher weißt, dass du sie brauchst.

  • … logische Einheiten beendest, bevor du Notizen oder Markierungen machst. Erst wenn du zumindest einen Absatz verstanden hast, kannst du einschätzen, ob du dir davon etwas merken willst!

  • … zügig liest. Du willst fertig werden, und dein Hirn möchte Beschäftigung. Also langweilt euch nicht gegenseitig!

Das bedeutet aber auch:

So solltest du nicht lesen, wenn du zum Genuss lesen willst!

Denn dann hast du andere Ziele und andere Texte. Also geh auch anders damit um. Nun bezweifle ich, dass man Genuss „trainieren“ kann. Aber die freien Tage sind vielleicht auch eine gute Gelegenheit, sich zu fragen: Unter welchen Umständen kann ich denn mein Lesen besonders genießen?

Für mich persönlich ist das Lesen in der Weihnachtszeit tatsächlich immer eine ganz besondere Freude. Das liegt zum einen daran, dass es einfach in einem warmen Zimmer und einem gemütlichen Sessel besonders behaglich ist, wenn es draußen dunkel und kalt ist. Aber ich versuche mir das Lesen in dieser Zeit auch immer ganz gezielt genussvoll zu gestalten. Das erreiche ich für mich persönlich, indem ich:

  • … mir über das ganze Jahr hinweg Bücher für diese Gelegenheit aufspare.
  • … mir den Kamin vor meinem Lesesessel anfeuere.
  • … nur im Schein von Kerzen, oder (ab Heiligabend) im Licht des Baumes lese.
  • … bequeme Sachen anziehe – am liebsten meinen Bademantel.
  • … mir ein Glas mit gutem Rotwein oder schottischem Whisky gönne. Oder falls es gerade kein Alkohol sein soll: einen Gewürztee mit Kardamom, Zimt, Ingwer und Sternanis.
  • … mein Handy ausschalte.

Nun hast du freilich andere Vorlieben, Geschmäcker und Möglichkeiten als ich. Es wird aber ganz sicher nicht schaden, wenn du dir Gedanken darüber machst, was für dich Lesen zum Genuss macht. Viel Freude dabei!

Fragen für dich: 

  • Welche Umgebung und welches „Zubehör“ gehören für dich zum Genusslesen? Wie kannst du richtig eintauchen in ein Buch?
  • Wie kannst du deine Leseumgebung für andere Lesezwecke so gestalten, dass sie deine Konzentration fördert und sich von deinem Setting fürs Genusslesen so unterscheidet, dass du innerlich schon automatisch z.B. auf „Lernen“ umschwenkst?

Wenn du diese Reflexionen übers Lesen nützlich fandst oder andere kennst, die davon profitieren könnten, dann leite sie bitte weiter!

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Autor des heutigen Beitrags:

Stephan Zimmermann ist Experte für Deep Reading und gibt Tipps, wie man sich längere und komplexere Texte schnell erschließen kann. Aus seiner Erfahrung an der Hochschule bringt er viel Spezialwissen zum Thema Lernen und Lernplanung mit. Manchmal geht er es aber auch gerne etwas entspannter an.

Stephan Zimmermann

Literaturtipps und weitere Hinweise zum Thema:

  1. Wie man längere Texte effizient und doch intensiv bearbeitet, zeigen meine Kolleg*innen und ich im Training Deep Reading digital. Hier geht es nicht um Speed Reading (obwohl es fürs Deep Reading hilfreich ist, das zu beherrschen), sondern darum, auch komplexere Texte merkfähig aufzubereiten.
  2. Die obige Weisheit von Aristoteles ist kein wörtliches Zitat, sondern ich habe sie folgendem Buch entnommen: Schwaabe, Christian; Politische Theorie 1; 2. Auflage; 2010, Seite 52-74.
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